Auf der Hasen- und Rehjagd in Schleswig-Holstein

Als Kind war für mich mein Großvater Charly natürlich eine beindruckende Person. Seefahrer. Kapitän. Tattoos an beiden Oberarmen. Natürlich war mir klar, dass mein Großvater auch Walfänger war. Mindestens. Ich hingegen komme als Fährimaa natürlich nur sehr selten in Kontakt mit Walen. Deshalb muss ich meinen natürlichen Jagdtrieb anders ausleben: Ich gehe zusammen mit meiner ersten Offizieuse (oder was ist die weibliche Form von Offizier? Offizierin – ich habe im Duden nachgeschlagen) regelmässig auf Rehjagd.

Nein, hier fliesst kein Blut!

Bevor sich die Tierfreunde unter meinen Lesern auf die Bäume begeben: Natürlich ist das keine klassische Rehjagd. Wir sind beide leidenschaftliche Velofahrer. Jetzt nicht im Hochleistungs-selbstbeweis-Modus, sondern einfach locker unterwegs.

Für Velofahrer ist Schleswig-Holstein ein kleiner Traum. Zumindest, solange man von der Küste fernbleibt. Denn der Genuss von flachen Strecken kann durch den strammen Gegenwind, der in Küstennähe regelmässig zu finden ist (und ich schwöre bei Neptun, dass es immer Gegenwind ist), kann das Fehlen von Bergen mehr als nur ausgleichen. Es ist sogar ziemlich frustrierend, wenn man alle Kraft aufwendet und kaum einen Meter vorankommt… Gut, davon will ich jetzt nicht sprechen, sondern von unserer abendlichen Rehjagd.

Der wilde Norden unterscheidet sich in einem Punkt besonders deutlich von der Schweiz: Es ist im Sommer rund eine Stunde länger hell. Eigentlich länger, denn auch wenn die Sonne längst am Horizont verschwunden ist, haben wir noch eine langanhaltende Dämmerung, welche über 23:00 Uhr hinaus anhält. Dieser Vorteil dreht sich im Winter natürlich ins Gegenteil um, aber dann hat man ja auch keine Lust Velo zu fahren…

Die langen Nächte des Nordens nutzen

Weil es so lange hell ist, fahren wir gerne nach dem Abendessen noch eine kleine Tour. In der Regel sind wir eine bis zwei Stunden unterwegs. Wir fahren dabei ganz entspannt und geniessen es, dass um diese Tageszeit die Schleswig-Holsteiner schon bequem vor ihrem Grill, ihrem Fernseher oder einfach einer Flasche Bier sitzen. Auf jeden Fall sind sie nicht unterwegs. Ab 19:00 ist man in diesem Land ziemlich einsam, wenn man unterwegs ist…

Die Auswahl an wunderschönen Routen ist in diesem Land immens. Wir haben es hier ja um eine flache, landwirtschaftlich geprägte Landschaft zu tun. Die Felder werden mit Traktoren und Maschinen bearbeitet, welche man in der Schweiz bestenfalls an der Olma oder anderen Landwirtschaftsschauen zu sehen bekommt. Diese Maschinen müssen bewegt werden. Entsprechend sind die Äcker und Felder auch gut erschlossen. Sehr zum Vorteil von uns Velofahrer*innen.

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Wenn wir also auf diesen Feldwegen fahren, müssen wir selten mit Gegenverkehr rechnen und können uns ganz auf die Landschaft und die Rehjagd konzentrieren. Das macht ungemein Freude und ist eine wohltuende Erholung von den Anstrengungen des Tages. Denn im Gegensatz zu unseren Schweizer Miteidgenossen, welche im Sommer hier Ferien machen, ist diese Saison bei uns geprägt durch die Arbeit im Rosen-Huus. Da sind wir froh, wenn wir am Abend die Möglichkeit haben, uns den Fahrwind um die Ohren wehen zu lassen und uns über jedes Reh, jeden Hasen und jedes Kaninchen zu freuen, welches wir bei der Rehjagt zu Gesicht bekommen.

 

Tipp:

Ich beobachte immer wieder, wie seriös sich die Feriengäste hier auf die Velotouren vorbereiten. Bestens ausgerüstet düsen sie durchs Land. Ich meine, dass Sie sich weniger um Distanzen, sondern mehr um die Gegend, die Freude und die Entspannung kümmern sollten. Geniessen Sie Ihren Aufenthalt und setzen sie sich möglichst wenig Ziele. Es kommt, was kommt und das was kommt, kommt wie es kommt. Klingt irgendwie philosophisch…

Die Fahrradwege in Schleswig-Holstein sind ausgesprochen gut ausgeschildert. Sie können sich also problemlos zurechtfinden. Fahren Sie einfach los. Cruisen Sie durch die Landschaften. Wenn Sie hier einfach zufahren und neugierig die Gelegenheiten nutzen, sehen Sie deutlich mehr, als wenn Sie fix auf ihre Fahrradkarte schauen. Die Schönheit von Schleswig-Holstein ist für uns Schweizer atemberaubend. Aber die Schönheit liegt im Kleinen. Sie können hier nicht riesige Berge, tiefe Täler oder großartige Mahnmale erwarten. Sondern viele tolle Augenblicke, welche alle nur eine Kurve entfernt sind. Deshalb sind kleine Velotouren, wie unsere Rehjagd genau das Richtige.

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